Vortrag von Prof. Dr. Werner Daum, Berlin ehem. Diplomat und Museumskurator
am 26. März 2025 um 17.30 Uhr im Winckelmann-Museum Stendal
Das halbe Jahrhundert der Aufklärung (von ca. 1750 bis 1800) hat die Welt verändert wie kein zweites Zeitalter vorher oder seitdem. Der fundamentale Umbruch die-ser Epoche begann mit der bewußten Suche nach neuem Wissen von der realen Welt (Technik, Entdeckungen) und ihrer systematischen Ordnung. Und mit der Über-zeugung, daß dies “Fortschritt” sei, und daher zu be-grüßen. Es ging aber auch um eine geistig-soziale Neu-vermessung der eigenen (europäischen) Welt: Freiheit und Gleichheit aller Menschen; Lösung von Streitfragen durch nachprüfbare Argumente, nicht durch Autorität; Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit; Erfin-dung des “Kindes”; Erfindung der “Kunst” (art) als Sache und als Begriff.
Zu gleicher Zeit kamen Stimmen auf, die sich dem Zeit-geist widersetzten und die Idee des “Fortschritts” in Fra-ge stellten (Rousseau). Ihre theoretischen Erörterungen fanden grausame Bestätigung mit der französischen Re-volution. Deren Schreckensregime wurde mit der (im Zweifel auch gewaltsamen) Durchsetzung der Ideale der Aufklärung begründet.
So definiert, war Aufklärung die Besitzergreifung der materiellen und der intellektuellen Welt – im positiven wie im negativen Sinne.
Hat die historische Aufklärung noch eine Bedeutung für uns, heutzutage? Ja: Streitfragen durch Austausch von Argumenten zu lösen, ist aktueller denn je (angesichts der Tendenz, andere Meinungen gar nicht mehr anhören zu wollen). Wir dürfen aber das zweite Gesicht der Auf-klärung – die Tendenz zum Totalitären – (“da diese poli-tisch/gesellschaftliche Entwicklung richtig ist, ist Kritik unzulässig”) nicht vergessen: Nichts ist “alternativlos”, und besondere Vorsicht ist geboten, wenn Regierung, Medien und der Zeitgeist einer Meinung sind.